Eine ganze Schule liest ein Buch
19.01.2026

Deutsches Schulportal
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Das Schulportal sprach mit der Schule und mit dem Autor darüber, was es ausmacht, wenn eine ganze Schule ein Buch liest und damit zum Thema Mobbing ins Gespräch kommt.
„Eintausendsechshundertfünfzig?“, fragte ungläubig der Buchhändler, als Florian Nuxoll beim örtlichen Buchhändler eine Bestellung aufgab. Der Buchhändler hatte richtig gehört. Im Oktober orderte der Lehrer der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen für jede Schülerin und jeden Schüler ein Exemplar des preisgekrönten Jugendbuchs „Wolf“ von Saša Stanišić.
Im November brachte ein Lkw das knapp eine Tonne schwere Paket zur Schule, und alle packten gemeinsam aus. „Die ganze Schule wird es lesen“, erzählt Nuxoll aufgeregt. Ziel sei es, ein gemeinsames Narrativ zu schaffen, etwas, worüber die Schulgemeinschaft spricht. Etwas, das ein Gegenentwurf zu der Vereinzelung sei, die heute allgegenwärtig sei, erklärt er. „Jeder ist in anderen Filterbubbles unterwegs. Die Kinder schauen ja nicht mal die gleichen Cartoons oder spielen dieselben Computerspiele.“ Social Media und Co. etwas Analoges entgegensetzen? Dazu braucht es einen Text, mit dem alle etwas anfangen können.
Mobbing ohne erhobenen Zeigefinger zum Thema machen
Seine ehemalige Kollegin Alice Herberger hatte den „Wolf“ gelesen und war sich sicher, dass das Buch perfekt für das Projekt sei. Es spreche jüngere Kinder ebenso an wie Jugendliche. Und das liege nicht nur an der eingängigen Sprache, sondern auch am Thema, so Nuxoll.
Im „Wolf“ geht es um Mobbing und Mitläufertum. Ein sensibles Thema, das es an jeder Schule gibt und bei dem sich Lehrerinnen und Lehrer immer wieder fragen, wie sie da am besten herangehen. Denn eine direkte Konfrontation mit den Täterinnen und Tätern macht es für die Opfer häufig noch schlimmer. Durch das Buch als Projektionsfläche werde es möglich, das Thema ohne den pädagogischen Zeigefinger im Unterricht zu platzieren, so Nuxoll. Dabei helfe auch, dass der Protagonist der Geschichte nicht das Mobbingopfer oder ein Täter ist, sondern ein Mitläufer.
Mit Kemi können sich vermutlich sehr viel mehr Schülerinnen und Schüler identifizieren. Denn auch wenn sie selbst nie Mobbing am eigenen Leib erfahren haben oder zur Täterin oder zum Täter wurden, haben sicher schon viele Kinder tatenlos daneben gestanden, wenn jemand gemobbt wurde. Gefühlt auf der Seite des Opfers – aber nicht mutig genug, ihm beizustehen. Oft voller Angst, das nächste Ziel zu werden. So wie Kemi, der hilflos zusieht, wie sein Klassenkamerad Jörg von Marko und den Dreschke-Zwilligen zum Außenseiter – wie er „andersiger“ – gemacht wird.
Von Kunst bis Wirtschaft: Der „Wolf“ ist überall Thema
Im Projekt in Tübingen will man sich dem Buch auf möglichst vielen Wegen nähern. Denn „Eine Schule liest ein Buch“ findet in der Geschwister-Scholl-Schule nicht nur im Deutschunterricht statt. Die Geschichte, ihr Setting in einem Ferienlager im Wald und die Themen Mobbing und Freundschaft sollen im kommenden Schuljahr auf vielen verschiedenen Ebenen zum Thema gemacht werden. Das bestimme aber nicht er oder die Schulleitung, so Nuxoll. Jede Klasse entscheide für sich, auf welche Weise sie das Buch in den Unterricht holt.
Die einen konzentrieren sich auf die kunstvolle Gestaltung durch die Illustratorin Regina Kehn oder erkunden im Musikunterricht, wie die Angst vor dem „Wolf“ durch Klänge transportiert werden kann. Andere finden heraus, was im Gehirn passiert, wenn wir gemobbt werden, oder spielen Szenen aus dem Buch nach. „In der Oberstufe schaue ich mir im Wirtschaftsunterricht den Buchmarkt an“, so Nuxoll. Dabei werde er mit seiner Klasse der Frage nachgehen, wieso ein Buch erst im Hard- und dann im Softcover herauskommt und ob sich mit Büchern heute noch Geld verdienen lässt. Am Ende des Schuljahrs gebe es dann einen Projekttag, an dem alle ihre Ergebnisse präsentieren können, sagt Nuxoll: „Schön wäre es, wenn uns Saša Stanišić zum Abschluss zu einer Lesung in der Schule besuchen könnte.“ Man sei auf der Suche nach einem Termin.
Großer Effekt mit wenig Aufwand
Für viele jüngere Schülerinnen und Schüler gehe es natürlich auch um Leseförderung. In der einen Klasse bildet etwa das vom Autor selbst eingesprochene Hörbuch den Einstieg, um den Text dann zu Hause zu lesen. Andere Lehrkräfte hatten die Idee, zu Beginn jeder Doppelstunde erst 15 Minuten leise zu lesen, bevor der normale Unterricht losgehe. „Es ist ein wachsendes Projekt“, erklärt Nuxoll.
Einiges läuft schon, anderes ist noch im Werden. „Das Ziel ist aber, dass wir alle die Geschichte kennen und uns auch später darauf beziehen können, wenn es etwa um reale Mobbingsituationen geht.“ Perspektivisch, so Nuxoll, soll es auch nicht bei diesem einen Buch bleiben. „Ich könnte mir vorstellen, dass man alle zwei, drei Jahre so was macht.“ Pädagogisch sei es letztlich einfach umsetzbar, habe aber einen riesigen Effekt. „Es steht und fällt mit dem richtigen Buch und der Finanzierung.“ Sie hätten Glück gehabt, sagt Nuxoll. „Dreiviertel des Geldes, das wir für die 1.650 Bücher brauchten, wurde von den Eltern gespendet.“
Nicht nur die Schule liest
Die sind nicht aber nicht nur finanziell involviert. Auch sie sollen das Buch lesen, ihre Kinder beim Lesen unterstützen und mit ihnen ins Gespräch über die Inhalte kommen, so Florian Nuxoll. Und wie das bei guten Ideen oft so ist, ziehen sie Kreise. Mittlerweile gibt es ein Stadtteilprojekt, in dem auch mitgelesen wird, und die Schule schickte einen Klassensatz vom „Wolf“ zu ihrer Partnerschule in die Ukraine. Dort werde das Buch auch zum Deutschlernen genutzt.
Weitere Informationen zum Projekt unter folgendem Link.